Coaching: Ohne Ballast zu Spitzenleistungen

Als Coach für Führungskräfte wird Rolf Haebler meist erst angefragt, wenn’s "brennt". Wie er aus kritischen Situationen neue Fähigkeiten entwickelt, sagt er im "ABC-Personal-News"-Interview vom Januar 1999.

 

ABC: Coach, Herr Haebler, heisst wörtlich übersetzt Sporttrainer. Inwiefern ist seine Arbeit mir Ihrer Tätigkeit vergleichbar?

Haebler: Parallelen gibt es durchaus; es geht für beide darum, aus dem vorhandenen Potenzial einer Einzelperson oder eines Teams – egal, ob dieses nun aus Führungskräften oder Sportlern besteht – das Optimum, sprich Spitzenleistungen herauszuholen. Unterschiedlich ist die Zielsetzung. Ein Sporttrainer ist normalerweise auf ein bestimmtes Ziel fokussiert, beispielsweise seinen Schützling zu einem Weltrekord zu führen, beim Coach in der Wirtschaft ist diese Zielsetzung offener.

ABC: Sind beim Coaching die Leistungsvorgaben weniger klar?

Haebler: So ist es. Eine Charakteristik der Arbeit des Coach in der Wirtschaft ist, dass er mit Fragestellungen konfrontiert wird, die oft wenig klar definiert sind. Seine erste Aufgabe besteht dann darin, mit dem Klienten zusammen eine Problem- und Zieldefinition auszuarbeiten.

ABC: Über welche "Trainerdiplome" und Erfahrungen sollte ein Coach verfügen?

Haebler: Neben breiter Erfahrung braucht er eine fundierte Ausbildung in verschiedenen Methoden der Kurzzeitberatung, um flexibel über das nötige Reservoir an Techniken und Interventionen zu verfügen. Dieses Know How sollte durch eigene Führungserfahrungen in der Wirtschaft ergänzt werden.

ABC: In welchen Situationen werden Sie von einem Unternehmen engagiert?

Haebler: Häufig werde ich angefragt, wenn’s "brennt". Jemand steht vor einer schwierigen Entscheidung oder meistert plötzlich nicht mehr die Anforderungen, die auf ihn zukommen. Die Situation ist akut, hier muss man sofort handeln und Unterstützung bieten. Präventiv kommt ein Coach beispielsweise zum Einsatz, wenn Leute mit wenig Erfahrung anspruchsvolle Führungsaufgaben zu übernehmen haben.

ABC: Wann coachen Sie ganze Teams?

Haebler: Wenn in Reorganisationen wichtige interne Veränderungen anstehen oder wenn sich ein Kernteam neu organisieren muss. In Team-Workshops legen wir eine neue Basis der Zusammenarbeit. Es gibt auch Unternehmen, die sich bewusst zu Spitzenleistungen bekennen und "Dream Teams" bilden wollen. Ein Hochleistungsteam arbeitet nicht nur effektiv und störungsfrei zusammen, sondern erbringt auch entsprechend hohe Leistungen. Die dazu erforderlichen Fähigkeiten können mit dem ganzen Team trainiert werden.

ABC: Wo setzen Sie an, wenn Sie coachen?

Haebler: Der Klient muss mit eigenen Worten sein Ziel formulieren. Er und der Coach müssen wissen, wohin die Reise gehen soll. Ganz wichtig dabei ist die Beziehung zwischen Coach und Klient. Er soll nach dem ersten Gespräch entscheiden können, ob er mit diesem Coach zusammenarbeiten möchte.

ABC: Welche Phasen durchläuft der Coaching-Prozess, bis er an das vereinbarte Ziel gelangt?

Haebler: Coaching ist ein zeitlich klar begrenzter Prozess. Das Vorgehen hängt von der Zielsetzung ab. Sehr oft geht es darum, neue Fähigkeiten einzuüben und in den Berufsalltag zu transferieren. Oft werden auch Verhaltensmodifikationen angestrebt. Dazu wird nicht nur neues Verhalten eingeübt, oft ist vorgängig die Vorstellung, wie der Klient die Welt erlebt und interpretiert zu ändern. Meist wird nach fünf bis sechs Sitzungen Bilanz gezogen. Manchmal können allerdings schon zwei, drei Sitzungen zum angestrebten Ergebnis führen.

ABC: Ein weiterer wichtiger Aspekt Ihrer Arbeit ist die Psychohygiene Ihrer Klienten. Was ist damit gemeint?

Haebler: Ein Coach gibt seinem Klienten keine Werte vor, sondern unterstützt ihn darin, das zu tun, was er erreichen möchte, und seine Aufgaben so zu erfüllen, dass er sich wohl fühlt dabei. Ein gutes Coaching bewirkt immer, dass der Klient selbst die Verantwortung für sein Handeln und für das Erreichen seiner Ziele übernimmt.

ABC: Was kostet ein Coaching?

Haebler: Ein Coaching über drei Sitzungen ist ab etwa 1200 Franken zu haben. Der Coach verrechnet seinen Stundenansatz. Coaching ist eine Methode, die den Klienten in Bezug auf seine Ziele in sehr kurzer Zeit weiter bringt. Wenn man von Renditeüberlegungen ausgeht, ist das eines der Hauptargumente für das Coaching, denn es setzt genau dort an, wo der zu Coachende sich weiterentwickeln will. Im Gegensatz zu Weiterbildungskursen im Bereich der sozialen Kompetenzen nimmt man keinen Ballast mit, sondern arbeitet präzis an den für den Klienten wichtigen Zielsetzungen.

Wie Herr C. wieder Schlaf fand

Rolf Haebler beschreibt einen Fall, bei dem Coaching schnell zu nachhaltigen Erfolgen geführt hat.

Herr C. ist ein knapp 30-jähriger Leiter einer produktionsnahen Abteilung eines Industriebetriebs, die sich mit der Auftragsabwicklung befasst. Die Aufträge erfordern zahlreiche Kontakte mit allen beteiligten Stellen, inklusive der Kunden. In den letzten Wochen hat der Druck stark zugenommen. Gründe dafür: Anspruchsvolle Aufträge haben interne Probleme und Kundenreklamationen verursacht, Reorganisation im Geschäftsbereich, zu wenig Mitarbeiterkapazität. Herr C. ist noch nicht so weit eingearbeitet, dass er über alle Details Bescheid weiss. Er beginnt sich Sorgen zu machen, dass die Arbeitslast von ihm und seiner Abteilung nicht mehr zu bewältigen ist, und er macht sich immer mehr Gedanken darüber, wo was auch noch schief laufen könnte. Bald treten massive Schlafstörungen auf – ein Teufelskreis: Stress und die Angst, dass weitere Fehler geschehen, wachsen weiter. Zu diesem Zeitpunkt ruft mich der Vorgesetzte von Herrn C. an.

Der Coaching-Prozess

Herr C. kommt zu einem ersten Gespräch, in dem er einen aufmerksamen Zuhörer findet. Weiterer Inhalt des ersten Gesprächs: die gemeinsam erarbeitete Zielsetzung für das Coaching. Sie lautet: "Ich möchte wieder ruhig und gut schlafen können und gleichzeitig meine Arbeit gut bewältigen."
Im Gespräch fällt mir auf, dass der grösste Teil des Druckes dadurch entsteht, dass Herr C. meint, es gehe nur weiter, wenn er selbst alles perfekt mache. Ich führe ihn dazu, sein Verhalten zu hinterfragen. Er merkt, dass es an ihm liegt, es zu ändern. Wir diskutieren darüber, was genau er ändern müsste, um wieder gut schlafen zu können, und beschränken uns dabei auf Aspekte, die er selbst direkt beeinflussen kann.

Bis zum zweiten Gespräch in der Folgewoche hat Herr C. etwas besser geschlafen. Ihm ist zudem bewusst geworden, dass er sich tagsüber kaum je in anspruchsvolle Aufgaben vertiefen kann, weil er ständig gestört wird, und dass seine Arbeitswoche praktisch zu 100 Prozent fremdbestimmt ist. Wir erstellen zusammen einen modifizierbaren Detailplan für die nächste Woche mit fixen Zeiten für die Supervision schwieriger Aufträge.

Beim nächsten Gespräch ist Herr C. sehr zufrieden: Er hat die ganze Woche gut geschlafen und seine Aufgaben bereits deutlich besser im Griff. Wir stellen sicher, dass die eingeleiteten Veränderungen anhalten. Dazu gehört die vorweggenommene Verarbeitung kommender Problemsituationen.